Jetzt ist es soweit: Emmely sitzt! Nein, nicht bei Wasser und Brot nach dem Rechtsempfinden des Arbeitgebers, sondern tatsächlich an ihrer alten Kasse bei Kaisers Tengelmann.
"Echt?" fragen alle, an deren Ohr die Kunde gedrungen ist und machen dazu ein Gesicht, als wäre Neuseeland gerade Weltmeister geworden. Man sieht richtig, wie sich hinter der Stirn des Katastrophentouristen eine kurze Überschlagsrechnung ausformt: Berlin, hin und zurück vier Stunden, eine Stunde Parkplatzsuche, 15 Minuten wie zufällig durch den Laden bummeln, anderthalb Stunden Anstehen an Kasse 2 und dann - mit einem Alibi-Becher Joghurt auf dem Band - der Jeanne D´arc des Kündigungsschutzes einmal leibhaftig gegenüberstehen.
Vielleicht noch mit einem gehauchten Halleluja, als wäre die Gute soeben nicht aus der Arbeitswelt, sondern ohne Kratzer aus dem 42. Stock gefallen. Da relativiert sich so manche Urlaubssensation. "Ich war in Rom und hatte eine Audienz beim Papst!" "Ach, da hast Du was verpasst, ich war bei Kaisers und ich hab bei Emmely bezahlt!".
Selbst militante Vegetarier werden in den nächsten Tagen über die XXL-WM-Bockwurst aus dem aktuellen Angebot herfallen, nur um die 39 Cent höchstpersönlich an die neue Lichtgestalt des Arbeitsrechts zu übergeben; es sei denn, die Fachkraft ist gerade in einer Sondersendung bei CNN oder bei einer Game-Show rund um das Thema Leergut auf 9-Live. Schon raten Anlageprofis zum Ankauf einer Sprudelkiste, denn der von Emmely handsignierte Pfandbon könnte eines Tages auf Augenhöhe mit der "Blauen Mauritius" bewertet sein. Vergleichsweise riecht mein Mick-Jagger-Autogramm gerade verdächtig nach Altpapier.
A star is born, Hut ab vor der Konzernleitung, von der man höchstens ein Finale nach alter Sitte erwarten durfte: Kleine, fünfstellige Abfindungsüberweisung, im Verwendungszweck irgendwas Unfreundliches aus dem erweiterten Wortschatz der französischen Nationalmannschaft, dazu ein paar toxische Phrasen im vermutlich allerletzten Arbeitszeugnis, und dann hat sich´s. Aber dann entdeckte irgendein Vorstandssakko den Dieter Bohlen in sich und macht jetzt aus der gemobbten Filialfunzel eine amtliche Boulevard-Rakete sowie den einzigen Kassenknüller, der seinen Namen wortwörtlich verdient. Hätte ich als Abteilungsleiter die Wahl, wen ich heute ans Laufband setzte, Madonna oder Emmely, es wäre eine schwere Entscheidung. Madonna wird die Absage wohl verschmerzen.
Der schnelle Ruhm hat natürlich seinen Preis für Kaisers Tengelmann. Emmely ist jetzt auf ewig unkündbar, egal, wie viele Treueherzen unklarer Herkunft ihr nach Feierabend aus dem Kittel flattern. Ein beneidenswerter Status in diesen Zeiten. Bevor Sie jetzt aber dem Vorbild nacheifern und Ihr Dienstradiergummi einstecken oder die vorzeitig ausgedrückte Kippe Ihres Vorgesetzten ungefragt aus dem Aschenbecher holen und einfach zu Ende rauchen, denken Sie daran: Geschichte wiederholt sich nicht. Auch nicht die von Emmely. Es kann nur eine geben!
Autor: Detlev Gröning NDR Info